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Biodiversity Credits werden zunehmend als neues Instrument diskutiert, um die Finanzierungslücke bei Biodiversitätsmassnahmen zu schliessen. Was unter Biodiversität zu verstehen ist, wie Biodiversity Credits aufgebaut sind und weshalb sie insbesondere für KMUs in der Schweiz relevant sein können, erfahren Sie im folgenden Blogartikel.
Biodiversität bildet die Grundlage unseres Lebens. Intakte Ökosysteme erbringen essenzielle Leistungen wie Nahrungsmittelproduktion, sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Klimaregulation und Schutz vor Extremereignissen. Rund die Hälfte des globalen Bruttoinlandsprodukts ist direkt oder indirekt von funktionierenden Ökosystemen abhängig. Der Verlust biologischer Vielfalt stellt daher nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein erhebliches wirtschaftliches und gesellschaftliches Risiko dar.
Der globale Biodiversitätsverlust schreitet schnell voran und Lebensräume werden zerstört oder fragmentiert, Arten sterben aus und ökologische Kipppunkte rücken näher. Viele dieser Verluste sind irreversibel und lassen sich im Gegensatz zu Emissionen nicht durch Klimaschutzprojekte abdecken oder rückgängig machen. Biodiversität ist damit ein besonders kritisches Handlungsfeld.
Für Unternehmen ergeben sich aus dem Biodiversitätsverlust zunehmend konkrete Risiken. Physische Risiken für Unternehmen umfassen unter anderem Ernteausfälle, Wasserknappheit und instabile Lieferketten infolge degradierter Ökosysteme. Hinzu kommen Transitionsrisiken durch neue Regulierungen, strengere Umweltauflagen und steigende Anforderungen von Investoren und Kunden. Auch Reputations- und Haftungsrisiken nehmen zu, da Biodiversität stärker in den Fokus von Öffentlichkeit, NGOs und Finanzmärkten rückt.
Regulatorische und politische Entwicklungen verstärken diesen Druck. Internationale Abkommen wie das Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework sowie europäische Vorgaben wie die CSRD und neue Rahmenwerke wie die TNFD verlangen eine systematische Erfassung und Offenlegung von naturbezogenen Abhängigkeiten, Risiken und Auswirkungen. Nicht zu handeln, bedeutet für Unternehmen zunehmend, regulatorische Anforderungen und Markterwartungen zu verfehlen.
Der Schutz und die Wiederherstellung von Biodiversität erfordern erhebliche finanzielle Mittel. Schätzungen zufolge besteht weltweit eine jährliche Finanzierungslücke von mehreren hundert Milliarden US-Dollar zwischen dem benötigten und dem tatsächlich verfügbaren Kapital für Biodiversitätsschutz. Öffentliche Mittel und klassische Naturschutzfinanzierung reichen bei weitem nicht aus, um diesen Bedarf zu decken. Obwohl viele Unternehmen Biodiversität adressieren wollen, mangelt es bislang an wirksamen Mechanismen, um naturpositive Massnahmen zu finanzieren und deren Wirkung transparent abzubilden. Biodiversity Credits wollen genau diese Lücke als neues Marktinstrument schliessen und werden daher als ergänzendes Instrument diskutiert, um private Finanzströme für den Erhalt der biologischen Vielfalt zu mobilisieren.
Biodiversity Credits stellen messbare, verifizierte positive Wirkungen auf die biologische Vielfalt dar, die durch konkrete Schutz- oder Renaturierungsmassnahmen entstehen. Durch ihre Handelbarkeit können sie Investitionen in naturpositive Projekte wirtschaftlich attraktiver machen und Anreize für langfristige Biodiversitätsmassnahmen schaffen. Unternehmen und Finanzakteure erhalten damit die Möglichkeit, gezielt in Biodiversität zu investieren und Verantwortung für ihre Auswirkungen auf Natur und Ökosysteme zu übernehmen.
Biodiversity Credits sind ein vergleichsweises neues Konzept im Bereich des Naturschutzes und unterscheiden sich in mehreren zentralen Punkten von den bekannten Carbon Credits. Während Carbon Credits auf der Logik basieren, Treibhausgasemissionen zu vermeiden oder aus der Atmosphäre zu entfernen, verfolgen Biodiversity Credits einen anderen Ansatz: Sie stehen für nachweisbare, positive Veränderungen in der biologischen Vielfalt, die durch gezielte Schutz-, Renaturierungs- oder Wiederherstellungsmassnahmen erreicht werden. Im Kern handelt es sich also nicht ausschliesslich um die Vermeidung oder Umkehrung eines bereits entstandenen «Schadens» (wie bei Emissionen), sondern um die Förderung eines messbaren ökologischen Nutzens.
Weiter unterscheiden sich Biodiversity Credits von Carbon Credits in der Art und Weise, wie Impact gemessen wird. Während Carbon Credits sich auf eine globale, vergleichbare Einheit (CO2-Äquivalente) stützen, ist Biodiversität vielschichtiger und ortsspezifischer. Sie umfasst verschiedene Dimensionen wie Artenvielfalt, genetische Vielfalt und die Integrität von Ökosystemen. Biodiversity Credits müssen daher spezifische, lokal relevante Indikatoren abbilden, etwa die Verbesserung der Artenvielfalt in einem bestimmten Lebensraum oder die Wiederherstellung einer bedrohten Ökosystemfunktion.
Mit der Entwicklung von Biodiversity Credits ist weltweit ein neuer Markt im Entstehen. Dieser Markt orientiert sich zwar an den Erfahrungen aus den Carbon Markets, weisst aber auch wichtige Unterschiede auf, die ihm eine hohe Komplexität verleihen.
Die Vielfalt an Ökosystemen, die unterschiedlichen Bewertungsansätze und die hohe Kontextabhängigkeit machen es notwendig, spezifische Standards und Methoden zu entwickeln. Verschiedene Akteure (von internationalen Organisationen über Standardsetzer bis hin zu Naturschutzinitiativen und Unternehmen) arbeiten derzeit an Pilotstandards und ersten Projekten, um die Grundlagen für einen glaubwürdigen und effizienten Handel mit Biodiversity Credits zu legen.
Dabei ist wichtig zu betonen, dass Biodiversity Credits nicht als Ersatz, sondern als sinnvolle Ergänzung zu Carbon Credits gedacht sind. Sie adressieren eine Lücke im bestehenden Markt, indem sie gezielt Investitionen in den Schutz und die Förderung der biologischen Vielfalt ermöglichen. Unternehmen und Investoren sollten jedoch realistische Erwartungen haben: Biodiversity Credits sind kein Allheilmittel und können die Komplexität und Einzigartigkeit biologischer Vielfalt nicht vollständig abbilden. Dennoch bieten sie ein innovatives Instrument, um dringend benötigte Finanzströme in die Natur zu lenken und den Wert von Biodiversität sicht- und handelbar zu machen.
Biodiversity Credits sind nicht nur für grosse internationale Unternehmen spannend, sondern können auch bei KMUs in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Diese sind von der Biodiversitätskrise häufig besonders stark betroffen, da sie meist eng mit lokalen Ökosystemen verbunden sind und stärker von natürlichen Ressourcen wie Wasser, Boden oder biologischen Rohstoffen abhängen.
Im Gegensatz zu Grossunternehmen verfügen sie oft über weniger finanzielle und organisatorische Puffer, um ökologische Veränderungen abzufedern oder kurzfristig auf Ausfälle in der Lieferkette zu reagieren. Gleichzeitig sind KMUs neuen Umweltauflagen und steigenden Anforderungen von Kund:innen und Geschäftspartnern ausgesetzt, ohne über spezialisierte Nachhaltigkeitsabteilungen oder umfassende Daten- und Risikomanagementsysteme zu verfügen. Dadurch schlagen Biodiversitätsverluste bei KMUs schneller und direkter in wirtschaftliche Risiken um
Es ist sinnvoll und notwendig, Klima- und Biodiversitätsthemen gemeinsam zu betrachten, da beide eng miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig verstärken. Intakte Ökosysteme tragen wesentlich zum Klimaschutz und zur Klimaanpassung bei, etwa durch Kohlenstoffspeicherung, Temperaturregulation oder Hochwasserschutz. Gleichzeitig verschärft der Klimawandel den Biodiversitätsverlust, indem er Lebensräume verändert, Arten unter Druck setzt und ökologische Kipppunkte beschleunigt.
Unternehmen, die Klima und Biodiversität integriert angehen, vermeiden Zielkonflikte, etwa Klimamassnahmen, die unbeabsichtigt negative Auswirkungen auf Ökosysteme haben und nutzen Synergien zwischen Emissionsreduktion, Resilienz und Naturschutz. Ein umfassender Nachhaltigkeitsansatz ermöglicht es, Risiken ganzheitlich zu managen, regulatorische Anforderungen effizient zu erfüllen und langfristige Wertschöpfung zu sichern.
Von zentraler Bedeutung ist es, an dieser Stelle anzumerken, dass bereits heute viele KMUs die Biodiversität (indirekt) unterstützen. Dies unter anderem, indem sie in CO2-Zertifikate investieren, die nicht nur Emissionseinsparungen oder -vermeidungen fördern, sondern auch die Biodiversität schützen. Zahlreiche Klimaschutzprojekte bieten bereits heute sogenannte Co-Benefits: Neben der Emissionsreduktion fördern sie auch die Erhaltung von Ökosystemen, schützen Wasserressourcen oder stärken soziale Strukturen. Das Bewusstsein und die Nachfrage nach solchen mehrdimensionalen Projekten nehmen stetig zu, da Unternehmen immer stärker erkennen, wie eng Klima- und Biodiversitätsziele miteinander verwoben sind.
Für KMUs entsteht dadurch bereits heute die Möglichkeit, nicht nur auf Klimaschutz zu setzen, sondern gleichzeitig nachweislich einen positiven Beitrag zur Biodiversität zu leisten. Diese integrativen Ansätze unterstützen Unternehmen darin, regulatorischen Anforderungen zu begegnen, ihre Resilienz zu stärken und ein zukunftsfähiges, glaubwürdiges Nachhaltigkeitsprofil zu schärfen.Exkurs: Neue Spielräume unter dem Swiss Climate Label
Auch unter dem Swiss Climate Label eröffnen sich für KMUs in diesem Zusammenhang bereits heute neue spannende Möglichkeiten: So können nach wie vor anerkannte Klimaschutzprojekte im CO2-Markt unterstützt werden, es besteht aber auch die Option, innovative Initiativen ausserhalb des freiwilligen CO2-Markt zu unterstützen, begleitet durch einen internen CO2-Preis und geprüft von Swiss Climate in Anlehnung an die sich abzeichnenden Vorgaben im entstehenden Biodiversity Markt im Hinblick auf Wirkung, Umwelt- und Sozialstandards sowie Beitrag zu den SDGs.
Foto von Nico Evard auf Unsplash
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